Auszüge aus dem BvA Jahrbuch |
Basisartikel: Lesen (v. H.W. Wolff)
Warum sollen wir lesen? Weil Bücher schmecken. Es ist wie mit süßen Kirschen. Wenn man einmal begonnen hat, wird man süchtig und kann nicht aufhören. Bücher schmecken nach Freiheit. Sie rufen zum Auszug aus der Enge der Welt, die uns im Alltag umgibt . Beim Öffnen des richtigen Buchs tritt man in eine neue Welt, in der auch der Schwache stark sein kann. Einige Bücher spielen mit diesem Schritt, der uns von unserer begrenzten Alltagswelt in die befreiende Phantasiewelt führt (z.B. Michael Endes „Unendliche Geschichte“). Alle Bücher bieten die Möglichkeit des Grenzübertritts in das Land der Freiheit. Bildlich gesprochen: Jedes Buch - eine Kirsche der Freiheit. Was lernt der, der liest? Selbstvertrauen, Überwindung der Ich-Sucht, Erweiterung der Weltsicht, Stärkung der Gesprächsfähigkeit, Entwicklung der eigenen Ausdrucksfähigkeit.
Wenn ich mit Matilda, Bastian, Momo oder Huck Finn ausziehe, wird mich nichts aufhalten. Ich bin stark und wachse mit den Aufgaben, die sich mir in den Weg stellen. Ich bin klug, kann fliegen, bin frech und den Erwachsenen überlegen. Was will mein Vater? Ich durchschaue ihn und steck ihn in die Tasche. Besser noch: Er kommt gar nicht vor. Ich schaff es ganz allein. Trotzdem werden Leser keine Egoisten. Im Gegenteil: Sie überwinden ihre Ich-Sucht. Indem sie sich beim Lesen in andere Menschen hineinversetzen, gehen sie spielerisch auf Distanz zu sich selbst. So könnte ich sein? Will ich das? Und wenn ich so wäre, wie eine der Nebenfiguren? Zur Entwicklung und Stärkung der eigenen Persönlichkeit trägt auch die Erweiterung der Weltsicht bei. Natürlich kann man durch das Lesen historischer Romane in vergangene Zeiten reisen. Ich lerne geschichtliches Wissen gleichsam nebenher. Literarische Texte haben aber die besondere Stärke, dass ich fremde und immer wieder neue Denkmuster kennen lerne. Die Welt des Jules Verne, die 20000 Meilen unter dem Meer liegt, ist historisch oder auch naturwissenschaftlich gesehen, wenig interessant. Als Utopie bietet sie aber eine Welt, die den Traum von einem technischen Paradies träumt. So könnte die Welt sein? Ist das eine bessere Welt? Es geht auch andersherum (als Gegenutopie): In einer solch fürchterlichen Familie wie der Matildas lebe ich Gott sei Dank nicht! So würde ich meine Tochter nie erziehen! Literarische Texte sind immer auch Angebote zum Gespräch. Texte fordern zum inneren Monolog heraus. Gelegentlich, wenn man aufmerksam genug ist, ist ein leises Murmeln des Lesers zu hören. Nicht, weil es Schwierigkeiten beim Entziffern gäbe. Der Leser streitet mit dem Erzähler oder der Hauptfigur über den Gang der Dinge. Vielleicht stimmt er aber auch zu. Das, was viele Eltern sich händeringend wünschen, ergibt sich beiläufig: Die Entwicklung der eigenen Ausdrucksfähigkeit. Viele Kinder und Jugendliche, die gern und viel lesen, nehmen freudig Schreibanlässe auf oder schaffen sich selbst eigene. Die Schülerzeitung „Die Schubkarre“, die an unserer Schule sogar in zwei unterschiedlichen Ausgaben für Oberstufe einerseits und Unter- und Mittelstufe andererseits erscheint, bietet sprachlich gelungene Beiträge und zeigt, dass Vielleser gern schreiben. Die Begeisterung und Ausdruckskraft spiegelt sich auch in den Schülerbeiträgen der vergangenen Jahrbücher und dieser vorliegende Ausgabe. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es „keine Schlüsselqualifikation gibt, die mehr Türen öffnet als das Lesen“ (S. Gaschke).
Was können Eltern tun?
Beginnen wir mit einer Provokation: Zweifellos stehen Bücher in Konkurrenz zu anderen Medien. Wenn ich meinem Kind einen Fernseher, eine Playstation und einen leistungsstarken PC ins Zimmer stelle, der eine hohe Bildqualität der Spiele liefert, und dann wünsche: „Du musst doch auch mal ein Buch lesen, damit du weniger Rechtschreibfehler machst“, hat der Wunsch wenig Chancen eingelöst zu werden. Wenn ich diesen Satz dann noch vor dem laufenden Fernseher liegend äußere, brauche ich eine Tochter wie Matilda, damit mein Wunsch in Erfüllung geht.
Beim aufmerksamen Lesen wird Ihnen aufgefallen sein, dass ich Matilda bereits zum dritten Mal erwähne. Und das nicht ohne Hintergedanken. Lesen Sie das Buch von Roald Dahl (s. auch Auswahlliste von Jugendbüchern) ihrem Kind vor. Regelmäßig und möglichst an einem bestimmten Ort. Es ist ein gutes Buch, das auch Sie unterhalten wird. Gute Jugendbücher sind immer auch für Erwachsene geeignet, sie zwinkern immer mit einem Auge dem erwachsenen Leser zu. Sie werden sehen, dass Ihr Kind in der Erprobungsstufe nicht zu alt zum Vorlesen ist. Selbstverständlich sollte man mit dem Vorlesen viel früher beginnen. Viele Eltern haben das bereits getan. Auch wenn es mühsam ist, gehört das regelmäßige Vorlesen unbedingt zur Leseerziehung. Das Vorlesen ist eine „Investition der Eltern in die Zukunft ihrer Kinder“ (S.Gaschke). Mit dem Vorlesen machen sie Ihrem Kind zwei wesentliche Dinge deutlich: Sie übernehmen Ihre Rolle als Vorbild. Damit zeigen sie, dass Sie selbst durch Ihr Vorlesen das Buch für wichtig halten. Daneben räumen Sie dem Buch einen Raum ein, indem sie es zu einem festen Zeitpunkt an einem festen Ort vorlesen. Es ist einfach und es ist schwer für Sie die beiden Forderungen zu erfüllen: Seien Sie Vorbild und geben Sie dem Umgang mit Büchern Raum! Gehen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind in die Bücherei. Leihen Sie für sich selbst Bücher. Beschenken Sie sich in Ihrer Familie gegenseitig mit Büchern. Geben Sie sich Lesetipps, Sprechen Sie über gute und schlechte Bücher. Lassen Sie sich anregen von der Auswahlliste von Jugendbüchern in diesem Heft. Sprechen Sie mit befreundeten Familien, Ihrem Buchhändler, Ihrer Bibliothekarin und dem Deutschlehrer ihres Kindes. Aber vor allem: Essen Sie selbst Kirschen!
Was leistet unsere Schule? Nicht jede Schule verfügt über eine eigene Bücherei. Unsere Bücherei, die vom Förderverein tatkräftig unterstützt wird, bietet eine hervorragende Auswahl an Literatur. Das Bibliothekarinnenteam besteht aus: Claudia Raddatz, Wendy Piontek und Angelika Piontek Hoffmann. Alle drei haben immer ein offenes Ohr. Die Kooperation mit der Lehrerschaft entwickelt sich. Neben dem Vorlesewettbewerb (s. Artikel v. A.Fielenbach), Einführung der Fünftklässler, wurden ebenso Büchereirallyes gemeinsam geplant und durchgeführt. Das Anbot unserer Bibliothek –auch zur Beratung- wird besonders von den Schülern der Erprobungsstufe angenommen, von denen fast jeder einen Büchereiausweis besitzt. In den Klassen 5 und 6 ist die Lektüre zweier Romane, die in fächerübergreifende Projekte eingebunden sind, im schulinternen Lehrplan des Faches Deutsch verbindlich festgelegt: „Wale und Delfine“ (D+Biologie) und „Steinzeit“ (D+Geschichte und Kunst). Hier blicken wir inzwischen auf eine langjährige Tradition zurück und ich kann als Deutschlehrer aus eigener Erfahrung sagen, dass sich diese Unterrichtsreihen bewährt haben. Im Unterricht aller Stufen findet sich immer wieder Zeit (besonders vor den Ferien) eigene Lieblingsbücher vorzustellen. Einige Kurse gehen sogar so weit, sich gegenseitig mit Büchern zu beschenken. In der Stufe 11 bietet es sich an, Leseerfahrungen grundsätzlich zu reflektieren. Aus diesem Zusammenhang stammt der Beitrag „Warum ich lese“. Das Interesse am Umgang mit Büchern wird auch dadurch gesteigert, dass wir über den Unterricht hinausgehende Veranstaltungen besuchen oder selbst ins Haus holen: So fanden schon gemeinsame Besuche von Autorenlesungen statt (z.B. Klaus Kordon bei „seitenweise“). Die Oberstufenkurse nutzen immer wieder das Angebot klassische Theateraufführungen zu erleben. Für die Erprobungsstufe laden wir bereits seit Jahren regelmäßig das „Theater der Dämmerung“ aus Düsseldorf in unsere Aula ein, das uns Märchen und Balladen im Schattenspiel vorführt. Die Literaturkurse in der Oberstufe inszenieren Jahr für Jahr mit viel Liebe und Engagement eigene Theateraufführungen, die auch auf traditionelle Texte und Stoffe zurückgreifen (z.B. Lysistrate, Nibelungen). Diese Veranstaltungen gehören zu den kulturellen Höhepunkten unseres Schullebens und sie zeigen, dass es eine reiche poetische Welt lange vor „Harry Potter“ gibt, die von uns spricht. Eine Inszenierung zu „Harry Potter“ fand allerdings auch schon an unserer Schule statt: So hat Frau Greiser-Garritzmann im Rahmen ihres Englischunterrichtes von ihr selbst verfasste Texte in Anlehnung an „Harry Potter“ mit Schülern der Erprobungsstufe eingeübt und am Theatertag, der alle zwei Jahre stattfindet, aufgeführt. Wir sehen: Lesestoff reizt zum Umschreiben, Weiterschreiben, zum Aufführen. In den letzten Jahrbüchern erschienen immer wieder Schülerbeiträge, die im Unterricht vor dem Hintergrund analytischer Auseinandersetzungen mit Textsorten entstanden sind: z.B. Märchen, Satiren, Gedichte, Essays. Es sind die Vielleser, die sich anstiften lassen selbst zu schreiben. Ich hoffe, gerade als Redakteur des Jahrbuchs, dass dieser Prozess anhält. Mit Blick auf die Entwicklung der Schülerzeitung „Die Schubkarre“ ist mir nicht bange. Zuletzt möchte ich noch auf das Projekt „Wir stellen ein eigenes Buch her“ in der Differenzierung 9 im Rahmen des Unterrichts Deutsch/Kunst hinweisen: Hier verfassen die Schüler nicht nur eigene literarische Texte (in diesem Jahr zum Thema: „Meine Familie und ich“), sondern illustrieren sie und lernen das Handwerk des Buchbindens dazu.
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